Ringier Journalistenfest 2026
Ringier Journalistenfest 2026
8. September 2026

«Diese Branche überlebt, wenn wir gute Arbeit machen»

Zum vierten Mal lud die Ringier Journalistenschule am Sonntag, 6. September, zum Fest des Schweizer Journalismus in die Villa Römerhalde nach Zofingen. Im Mittelpunkt standen nicht Sparübungen, neue KI-Formate oder die wirtschaftlichen Sorgen der Branche, sondern der Journalismus selbst. «Wir reden über das, was uns ausmacht, nämlich gute Geschichten», sagte Schulleiter Peter Hossli zur Begrüssung. «Diese Branche überlebt, wenn wir gute Arbeit machen.» Vier Gespräche mit Journalistinnen und Journalisten zeigten, wie unterschiedlich solche gute Arbeit aussehen kann: als Breaking-News-Einsatz bei einer Katastrophe, als zweijähriges Langzeitprojekt einer Lokalredaktion, als Auseinandersetzung mit einem zunehmend kritischen Publikum oder als pointierter publizistischer Streit.

Schnell sein – und dranbleiben
Den Auftakt machte Blick-Chefredaktor Rolf Cavalli. Er sprach über die Berichterstattung rund um den verheerenden Brand von Crans-Montana am 1. Januar. Dass Blick früh vor Ort war, hatte viel mit dem Wallis-Korrespondenten Martin Meul zu tun. Dieser entdeckte am frühen Morgen auf Telegram erste Bilder und Videos und konnte die Informationen über seine Kontakte rasch bestätigen.

Für Cavalli zeigte dies, wie wichtig regionale Verankerung auch für ein nationales Medium ist. Ebenso entscheidend sei eine Redaktion, die in einer ausserordentlichen Lage funktioniere: Acht Journalistinnen und Journalisten seien aus ihren Ferien zurückgekehrt. «Teamwork ist das A und O», sagte Cavalli.

Über Geschwindigkeit allein definiere sich guter Journalismus nicht. Blick sei zwar ein Breaking-News-Medium, sagte Cavalli, doch bei einer Geschichte dieser Dimension sei langfristig etwas anderes wichtiger: «Dranbleiben und es gut machen.»

Ein Schaf als Langzeitprojekt
Danach blieb das Fest im Wallis, wechselte aber die Perspektive. Die Journalistinnen Perrine Andereggen und Rebecca Pfaffen vom «Walliser Boten» erzählten von einem ungewöhnlichen Langzeitprojekt: Über mehr als zwei Jahre begleiteten sie das Schwarznasenschaf Rubi – von seiner Geburt an, bis es selbst Mutter wurde.

Aus einer zunächst kleinen Idee entstand eine Serie, die weit mehr erzählte als die Geschichte eines herzigen Schafs. An Rubi liessen sich die Arbeit der Schäfer, Zucht und Selektion, die Bewirtschaftung der Alpen und der Umgang mit dem Wolf zeigen. Die Leserinnen und Leser wurden von Beginn weg einbezogen und durften dem Schaf den Namen geben. Wenn länger nichts über Rubi erschien, fragten sie auf der Redaktion nach, wie es ihm gehe.

Die Serie wurde multimedial erzählt – in Print, online, mit Bildern, Videos und digitalen Erzählformen. Sie sei beim Publikum überdurchschnittlich gut angekommen, sagte Pfaffen. Ob dadurch neue Abonnements gewonnen wurden, könne man nicht sagen. «Aber es hat sicher Nähe generiert und sicher Wissen vermittelt.»

Für Hossli zeigte das Projekt exemplarisch die Kraft des Lokaljournalismus: Aus grosser Nähe und über lange Zeit lassen sich Geschichten erzählen, die ein nationales Medium kaum auf dieselbe Weise realisieren könnte.

Ein zunehmend kritisches Publikum
Mit Esther Girsberger rückte anschliessend das Verhältnis zwischen Medien und Publikum ins Zentrum. Die langjährige Journalistin, Publizistin und heutige Ombudsfrau der SRG Deutschschweiz berichtete von einer Rekordzahl an Beanstandungen. Allein im vergangenen Jahr gingen 1408 Beanstandungen ein – so viele wie noch nie. Die Ombudsstelle sei angesichts dieser Entwicklung personell stark unterdotiert.

Girsberger trat ihr Amt am 1. April 2020 an, zwei Wochen nach Beginn des ersten Corona-Lockdowns. Damals stieg die Zahl der Beanstandungen stark an. Sie habe erwartet, dass sie nach der Pandemie wieder sinken würde. Das sei nicht geschehen. Besonders häufig beschäftigten die Ombudsstelle Themen wie der Nahostkonflikt, der Wolf, Donald Trump, die Landwirtschaft oder die SVP.

Als Gründe für die hohe Zahl an Eingaben nannte Girsberger unter anderem das gewachsene Misstrauen gegenüber Regierung und Medien, die wachsende Bedeutung der sozialen Medien und eine stärkere Polarisierung. Zugenommen hätten auch mit KI verfasste Beanstandungen. Manche Eingaben seien sehr umfangreich; Anwälte reichten bisweilen Beschwerden von 30 Seiten ein. «Ich glaube nicht daran, dass das wieder abnimmt», sagte Girsberger.Verändert habe sich auch, was beanstandet werde. Früher hätten vor allem Fernsehsendungen wie «Tagesschau», «10 vor 10» oder «Rundschau» im Zentrum gestanden. Heute beträfen die meisten Eingaben Online-Inhalte, insbesondere SRF News. Und längst nicht jede Beanstandung drehe sich um grosse politische oder journalistische Fragen. Bei der Ombudsstelle landeten auch Beschwerden über Dialekte, Akzente oder Details einzelner Sendungen.

«Wir streiten zu wenig»
Zuletzt sprach «Nebelspalter»-Verleger und -Chefredaktor Markus Somm über die Streitkultur im Journalismus. Ursprünglich hätte er gemeinsam mit Radio-1-Gründer Roger Schawinski auftreten sollen, mit dem er seit zehn Jahren regelmässig die Sendung «Roger gegen Markus» bestreitet. Schawinski musste seine Teilnahme am Sonntag kurzfristig absagen.

Somm warb für eine offenere Streitkultur. «Wir streiten zu wenig», sagte er. Gerade in einem kleinen Land wie der Schweiz begegne man einander immer wieder. Das dürfe aber nicht dazu führen, Differenzen zu vermeiden. Im Gegenteil: Man müsse unterschiedliche Argumente anhören, hart miteinander streiten können – und danach wieder miteinander auskommen.
Genau das mache für ihn die Qualität seiner langjährigen Auseinandersetzungen mit Schawinski aus. Überzeugt hätten sie einander in zehn Jahren kaum je. Dafür wüssten beide inzwischen ziemlich genau, mit welchen Argumenten sie den anderen provozieren könnten.

Somm plädierte zudem dafür, starke und aussergewöhnliche Persönlichkeiten nicht kleinzumachen. Gerade der Journalismus brauche Menschen, die auffielen, aneckten und besondere Positionen verträten. Er zeigte sich erstaunt, dass das Schweizer Fernsehen kein regelmässiges Format kenne, in dem zwei klar gegensätzliche Stimmen miteinander debattierten. Ein solches Format könne zeigen, dass unterschiedliche politische und gesellschaftliche Positionen innerhalb eines Mediums Platz hätten.

Über Geschichten reden
Zum Abschluss erinnerte Hossli daran, weshalb die Ringier Journalistenschule das Fest des Schweizer Journalismus ins Leben gerufen hat. «Wir wollen über Geschichten reden», sagte er. Nicht die Krise der Medienbranche solle an diesem Tag im Mittelpunkt stehen, sondern das, was Journalistinnen und Journalisten jeden Tag leisten.

Besonders freue ihn, dass Menschen aus ganz unterschiedlichen Medienhäusern nach Zofingen kämen: Journalistinnen und Journalisten, die im Alltag konkurrieren, Chefredaktorinnen und Reporter, Verleger und Nachwuchskräfte. Für ein paar Stunden gehe es nicht darum, wer schneller sei, mehr Reichweite erziele oder für welches Haus arbeite, sondern um das gemeinsame Handwerk.

Nach den Gesprächen ging das Fest in den geselligen Teil über. Bei Grilladen, Bier, Wein und Wasser setzten die Gäste die Diskussionen fort – über Recherchen, Geschichten und eine gemeinsame Leidenschaft: den Journalismus.