{"id":2682,"date":"2012-05-01T18:43:47","date_gmt":"2012-05-01T16:43:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ringier.com\/?post_type=interview&#038;p=2682"},"modified":"2025-12-15T15:22:46","modified_gmt":"2025-12-15T14:22:46","slug":"perestrojka-an-der-dufourstrasse","status":"publish","type":"interview","link":"https:\/\/www.ringier.com\/de\/news\/interviews\/perestrojka-an-der-dufourstrasse\/","title":{"rendered":"Perestrojka an der Dufourstrasse"},"content":{"rendered":"\n<pre class=\"wp-block-verse\"><strong>\u00abIch f\u00fchre als Manager so, als w\u00e4re ich selbst der Unternehmer. Nur das garantiert langfristigen Erfolg.\u00bb\r\n<\/strong>Marc Walder \/ CEO Ringier AG<\/pre>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4re die Geschichte gew\u00f6hnlich verlaufen, so w\u00fcrde Marc Walder heute in einer Tennishalle ein paar verw\u00f6hnten Goldk\u00fcsten- Kids die Vorz\u00fcge der Backhand erkl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch es kam bekanntlich alles anders, und aus dem 46-j\u00e4hrigen Ex-Tennisprofi ATP-Platzierung 403 und zweifacher Schweizer Meister im Doppel \u2014 wurde kein frustrierter Sportlehrer, der von vergangenen Tagen und verpasstem Ruhm tr\u00e4umt, sondern einer der amtsj\u00fcngsten CEOs von Ringier. Zu verdanken hat er dies Tennislegende Heinz G\u00fcnthardt, der ihm nach der aktiven Sportkarriere von der Gr\u00fcndung einer eigenen Tennisschule abriet. N\u00fcchtern betrachtet: ein wegweisender Entscheid.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist Mittwoch, der 18. April, kurz nach zw\u00f6lf Uhr. Der neue CEO ist in sein B\u00fcro im f\u00fcnften Stock des Pressehauses zur\u00fcckgekehrt. Wenige Minuten zuvor hatte er mit Verleger Michael Ringier im Parterre die traditionelle Jahrespressekonferenz abgehalten. Es war unvermeidlich: Statt \u00fcber Betriebszahlen, Unternehmensstrategie oder den Newsroom drehte sich das Gespr\u00e4ch am Ende auch um Walders \u00fcberraschende Berufung an die Verlagsspitze und den schnellen, ja \u00fcberhasteten Abgang des einstigen Hoffnungstr\u00e4gers Christian Unger kurz vor Ostern. Bereits wenige Minuten nach der Bekanntgabe wurde dessen Name ohne weitere Erkl\u00e4rung von der Homepage gel\u00f6scht. Der ideale N\u00e4hrboden f\u00fcr Ger\u00fcchte. Verleger Michael Ringier h\u00e4lt auch nach mehrmaligem Nachhaken von Hanspeter B\u00fcrgin, einem der letzten Vertreter des Investigativ-Journalismus, daran fest: \u00abChristian Unger wollte es so.\u00bb Schlussendlich ist es auch egal: Unger wurde in den letzten drei Jahren viel zu wenig wahrgenommen, um als medialer M\u00e4rtyrer zu taugen. Oder noch einfacher: H\u00f6chstwahrscheinlich hat sich der abgetretene CEO durch die Auslandkooperation mit dem Axel-Springer-Verlag selbst \u00fcberfl\u00fcssig gemacht. Und so fokussiert sich das Interesse wieder auf Marc Walder, der vor allem eines ist: ein hauseigenes Erfolgsprodukt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"h-karrierestart-als-kartonkleber\"><strong>Karrierestart als Kartonkleber<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mehr Ringier als bei Walder geht nicht: W\u00e4hrend der letzten neunzehn Jahre hat er sich jenen Stallgeruch zugelegt, der f\u00fcr die Karriere und das \u00dcberleben innerhalb des Hauses unerl\u00e4sslich ist. Wirft man einen Blick ins hausinterne Fotoarchiv RDB, so hat Walder sogar noch jenes Pr\u00e4dikat erworben, welches in einem Boulevardverlag unerl\u00e4sslich ist: Er ist prominent. Mit \u00fcber dreihundert registrierten Fotos \u00fcbertrifft er Bundesrat Schneider-Ammann und zieht beinahe mit Medienpionier Roger Schawinski gleich, der seit bald vierzig Jahren im Gesch\u00e4ft ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei sah es nach Abschluss der Tenniskarriere beruflich gar nicht gut aus. Mit Journalismus hatte Walder \u00fcberhaupt nichts am Hut, obwohl seine Grossmutter fand, dass er eigentlich ganz passabel schreiben k\u00f6nne.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Bekannte verschaffte einen Kontakt zu Ringier. Unter der \u00c4gide der damaligen Verlagsleiterin Maili Wolf klebte er f\u00fcr 1 300 Franken monatlich in der Zeitschriftenabteilung Karton. Nach einem dreimonatigen Praktikum beim Blick kletterte er \u2014 gef\u00f6rdert vom ehemaligen Chefredaktor Fridolin Luchsinger und der Sportikone Roger Benoit \u2014 die ganze Karriereleiter hoch: Unterhaltungschef, Nachrichtenchef, Leiter des Nachrichtendesks. Sp\u00e4ter stellvertretender Chefredaktor des SonntagsBlicks, Sportchef und w\u00e4hrend sechs Jahren Chefredaktor der Schweizer Illustrierten, f\u00fcr Walder \u00abdie sch\u00f6nste Zeit\u00bb. Zwei Jahre sp\u00e4ter die journalistische Kr\u00f6nung: Chefredaktor des Flaggschiffs SonntagsBlick, bevor er nach kurzen zwei Jahren ins Management wechselte. Nach einer viermonatigen, aber sehr intensiven Businessausbildung an der Harvard University wurde er operativer Leiter des Ringier-Gesch\u00e4ftes Schweiz-Deutschland. Und jetzt ganz oben: Herr von 7500 Mitarbeitern, in einem Reich, in welchem die Sonne auch niemals untergeht. Walders Vater, ein Architekt aus dem sanktgallischen Goldach, kommentierte den rasanten Aufstieg seines Sohns am Telefon n\u00fcchterner: \u00abSehr gut, und wie geht es mit dem FC St. Gallen weiter?\u00bb Bei so viel Coolness verstummte sogar Walder junior. \u00abMein Vater\u00bb, meint er, \u00abist mein Vorbild. Eigentlich wollte ich immer Unternehmer werden. Da mir dies nicht gelungen ist, f\u00fchre ich als Manager so, als w\u00e4re ich selbst der Unternehmer. Nur das garantiert langfristigen Erfolg.\u00bb&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"h-vorzeigebeispiel-einer-tellerw-scherkarriere\"><strong>Vorzeigebeispiel einer Tellerw\u00e4scherkarriere<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abGanz ehrlich, Herr Walder, wird Ihnen nicht manchmal schwindlig, wenn Sie zur\u00fcckschauen?\u00bb Walder \u00fcberlegt kurz: \u00abSchwindlig wird es einem nur, wenn man sich weit oben w\u00e4hnt und tief runterschaut. Ich f\u00fchle mich aber nicht oben bei Ringier, sondern einfach mittendrin.\u00bb Und er besteht darauf, dass er im Herzen eigentlich immer noch Journalist geblieben sei.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mittlerweile f\u00fchrt Walder bereits wieder ein Leben wie ein Spitzensportler: Ein Termin jagt den andern, dazwischen noch schnell ein Bircherm\u00fcesli. Unser Gespr\u00e4ch ist genau auf dreissig Minuten terminiert, anschliessend geht es weiter zur Personalkommission. Ein kurzer Blick in Walders Schaltzentrale: der Schreibtisch aufger\u00e4umt, an den W\u00e4nden teure Ringier-Kunst, im B\u00fcchergestell ein paar Wirtschaftsb\u00fccher und Lexika. Dar\u00fcber \u2014 sorgf\u00e4ltig gerahmt \u2014 der Originaltitel der ersten Blick-Ausgabe, daneben Familienfotos mit Ehefrau Susanne Timm und seinen beiden T\u00f6chtern, der vierzehnj\u00e4hrigen Coralie aus erster Ehe und der knapp vierj\u00e4hrigen Norah, die er mit Susanne, ebenfalls Journalistin, hat. Sorgf\u00e4ltig buchstabiert er die Namen. Als ehemaliger Boulevardjournalist weiss er: Namen sind das Wichtigste. Gibt es sonst noch ein Erfolgsprinzip? Der Angesprochene \u00fcberlegt kurz, bevor er an seinem Mineralwasser nippt: \u00abDiszipliniertes Denken.\u00bb Daf\u00fcr ist sein Freund, Fernsehlegende Kurt Felix, gespr\u00e4chiger. F\u00fcr ihn ist Walder \u2014 Ostschweizer wie er \u2014 \u00abdas Vorzeigebeispiel einer echten Tellerw\u00e4scherkarriere\u00bb. So sei Walder anf\u00e4nglich bei Ringier immer untersch\u00e4tzt worden. Und jetzt habe er alles erreicht. Seine Strategie: Schritt um Schritt, doch auf leisen, aber sicheren Sohlen nach oben. Kein arroganter Besserwisser, mehr einer, der genau zuh\u00f6rt, um es anschliessend wirklich besser zu wissen. Learning by doing im Selbststudium. Was Walder definitiv nicht ist: ein Blender, ein Grossrhetoriker oder gar Sch\u00f6nling. Aber auch nicht nur ein \u00abnice guy\u00bb, worauf ihn der Tages-Anzeiger vor einigen Jahren reduzierte. Das w\u00e4re auch viel zu banal: Im Zweiergespr\u00e4ch kann Walder hohe Selbstironie zeigen: \u00abSie haben mich sicher wegen meiner Locken erkannt\u00bb, meint er vor Kurzem gegen\u00fcber einem Unbekannten, der ihn auf der Strasse fragend ansah.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Neider orteten hinter Walders schwindelerregendem Aufstieg lange die Tennisbekanntschaft mit Michael Ringier, auch er ein ehemaliger Spitzenspieler. Doch solche Anw\u00fcrfe sind zu fadenscheinig und auch viel zu kurz gegriffen. Walders Erfolgsgeheimnis ist vielschichtiger: Er kennt das Verlieren.<br>So widerspr\u00fcchlich es klingt: Diese Tatsache macht ihn st\u00e4rker.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"h-prestigeprojekt-newsroom\"><strong>Prestigeprojekt Newsroom<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend seiner zehnj\u00e4hrigen Tenniskarriere ist er durch die ganze Welt gereist, in der Hoffnung auf den grossen Durchbruch, damals noch mit rotblonden Haaren und blasser Haut. Das Tennisbusiness sei oft deprimierend, wenn man kein Boris Becker oder Roger Federer sei, erinnert er sich. Anstatt in einer Hyatt-Suite n\u00e4chtigte der Jungprofi aus dem sanktgallischcn Hinterland in Zweisternehotels, wobei er die Bettw\u00e4sche selbst organisierte. Das damalige Preisgeld: 375 Dollar, Groupies gab es keine. Was heute nach romantischer Verkl\u00e4rung klingt, war damals zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben. Daf\u00fcr zum Trost eine \u00e4usserst knappe Niederlage gegen Yannick Noah, dem damaligen Weltranglistenvierten. Sp\u00e4-ter reichte es sportlich aber doch noch zum ganz grossen Coup: Journalistenweltmeister in \u00d6sterreich. Zusammen mit Verleger Michael Ringier. \u00abR\u00fcckblickend gesehen\u00bb, bilanziert Walder, sei er doch lieber Marc Walder als Yannick Noah. Als abgehalfterter Ex-Star durch Discotheken und Clubs zu tingeln und von vergangenem Ruhm zu zehren, l\u00e4ge ihm nicht. Das Sportlerleben habe Walder stark gemacht, sagt ein guter Bekannter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und vor allem immun gegen Selbstmitleid und Selbstzweifel. So k\u00f6nne er einem die unangenehmsten Wahrheiten erz\u00e4hlen, ohne dass man es ihm \u00fcbel nehme. Als er vor zwei Jahrcn als Schweiz-Chef gegen viele Widerst\u00e4nde sein Prestigeprojekt, den Newsroom, durchboxte, musste er viele gestandene Mitarbeiter entlassen. Doch Walder konnte bei den Betroffenen sogar noch in dieser Situation Verst\u00e4ndnis erzeugen \u2014 eine seltene Qualit\u00e4t. Der Newsroom, bereits vor dessen Er\u00f6ffnung f\u00fcr gescheitert erkl\u00e4rt, existiert noch immer trotz einer anf\u00e4nglichen Personalfluktuation von achtzehn Prozent im ersten Jahr. Fazit nach zwei Jahren: Der Blick konnte wieder zulegen, w\u00e4hrend der SonntagsBlick massiv an Auflage verlor. Der Blick am Abend \u2014 Walders publizistisches Gesellenst\u00fcck \u2014 erfreut sich unter der Regie von Chefredaktor Peter R\u00f6thlisberger grosser Beliebtheit. Die Kritik am Newsroom \u2014 zu anonym und auch zu arbeitsintensiv \u2014 kennt er und h\u00e4lt sie teilweise sogar f\u00fcr legitim.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch der Journalismus habe sich gewandelt Die Zeiten, in denen man als Schreiber mit sechzig Zeilen pro Tag bei gleichzeitiger Verweigerung den neuen Medien gegen\u00fcber zufrieden sein konnte, seien definitiv vorbei, sagt der ehemalige Chefredaktor Walder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was man heute ben\u00f6tige, sei Flexibilit\u00e4t und Belastbarkeit bei noch gr\u00f6sserer journalistischer Kompetenz. Und wer dies alles mitbringe, der k\u00f6nne auch Karriere machen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann spricht aus Walder wieder der Manager: \u00abIch w\u00fcsste auch nicht, wie wir w\u00e4hrend vierundzwanzig Stunden an sieben Tagen pro Woche f\u00fcr vier Medien Print und Digital zu einigermassen passablen Kosten produzieren k\u00f6nnten. Ganz zu schweigen von den neun verschiedenen Apps, die ebenfalls exzellent bewirtschaftet werden m\u00fcssen.\u00bb&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"h-der-grosse-wechsel\"><strong>Der grosse Wechsel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was untersch\u00e4tzt wird: Marc Walder hat den 179 Jahre alten Medienkonzern in den letzten beiden Jahren massiv umgekrempelt: ein Gorbatschow der Dufourstrasse. Oder pointierter formuliert: Ringier hat sich auch ein bisschen Walders Visionen ausgeliefert. Von der interessierten \u00d6ffentlichkeit weitgehend unbemerkt, erfindet sich der Unterhaltungskonzern an der Dufourstrasse momentan ganz neu. Ob der WM-Fight von Wladimir Klitschko am 7. Juli im Stade de Suisse, die Tour de Suisse, die Super League des Schweizer Fussballs, Madonna im Letzigrund, die Kandidatur f\u00fcr die Olympischen Winterspiele 2022 \u2014 immer mischt Ringier mit. Standen die Neunzigerjahre und die Jahrtausendwende im Zeichen der Auslandsexpansion, so ist die Jetztzeit durch einen grundlegenden Konzernumbau gepr\u00e4gt. \u00abIn den vergangenen f\u00fcnf Jahren hat sich Ringier mehr ver\u00e4ndert als je zuvor\u00bb, bilanziert Verwaltungsratspr\u00e4sident Michael Ringier an der Medienkonferenz. \u00abFr\u00fcher hatten wir ein einziges, grosses Geb\u00e4ude an der Shoppingmeile des menschlichen Alltags \u2014 heute besitzen wir sozusagen eine ganze Ladenzeile und sch\u00fctteln den Menschen statt einmal t\u00e4glich nun mehrfach die Hand.\u00bb Dass dabei vor allem Deutsche an der Spitze sind, st\u00f6rt Walder nicht. \u00abAuch Martin Kall, der wohl gr\u00f6sste Ver\u00e4nderer der Schweizer Medienszene, kommt aus dem Norden.\u00bb Was Walder nicht sagt: Gerade seine Ernennung an die Verlagsspitze ist der beste Beweis, dass an der Dufourstrasse auch wieder personelle Swissness gefragt ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"h-harvard-als-grundstein\"><strong>Harvard als Grundstein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die theoretischen Grundlagen holte sich Walder bei seinem viermonatigen Harvard-Aufenthalt im Jahre 2007. Der frisch gekiirte Ringier-Schweiz-Chef besuchte das \u00abAdvanced Executive Management Programm\u00bb, die Prestige-Ausbildung der Harvard Business School, und war von der dort dozierten \u00abVa-1ue-Chain\u00bb fasziniert, von der Lehre also, die Wertsch\u00f6pfungskette konsequent zu erweitern, und vor allem: sie zu beherrschen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die Erfahrungen bei der Schweizer Illustrierten waren f\u00fcr ihn \u2014 dem Zeitschriften-Chef sei Dank \u2014 Beweis genug, dass eine Zeitschrift l\u00e4ngst nicht mehr nur eine Zeitschrift sein muss, sondern auch ein Ticketverk\u00e4ufer oder Konzertpromotor. Seitdem ist Walder der festen Ansicht: So kann ein Verlagshaus wieder wachsen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"h-cicero-und-hundefutter\"><strong>Cicero und Hundefutter<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"h-cicero-und-hundefutter\">Zur\u00fcck in der Schweiz, hat Walder die entscheidenden Personen von seinen Visionen \u00fcberzeugt und den ganzen Konzern innerhalb der letzten f\u00fcnf Jahren zn einem Gemischtwarenladen umgekrempelt: L\u00e4ngst handelt Ringier nicht mehr nur mit Zeitungen und Zeitschriften, sondern auch mit Sportrechten, Konzerttickets, Fernsehspots, Betty-Bossi-Produkten und sogar Hundefutter. Das ganze Haus basiert auf den drei S\u00e4ulen: traditionelles Gesch\u00e4ft, digitales und Entertainment. Das Zauberwort heisst Diversifikation. Beim Berner Klitschko-Fight von Anfang Juli dominiert Ringier die ganze Verwertungskette. So vermarkten und kommentieren die hauseigenen Medien nicht nur den Wettkampf und heizen den Vorverkauf an, das Verlagshaus vertreibt auch noch die Billets \u00fcber die hauseigene Ticketagentur und organisiert das Vorkonzert mit dem Berner Superstar G\u00f6I\u00e4, welches von Satt-Schweiz, an welchem Ringier beteiligt ist, aufgezeichnet werden d\u00fcrfte. Dass dabei daraus auch noch Tontr\u00e4ger gekoppelt werden, versteht sich von selbst. Und dass diese von Radio Energy, welches ebenfalls zum Konzern geh\u00f6rt, rauf- und runtergespielt werden, auch.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Werden, Sein und Vergehen \u2014 alles in Ringier-Hand: Manchmal ist der Weg von Cicero zum Chappi k\u00fcrzer, als man denkt. Doch bei aller Euphorie ist die ganze Entwicklung nicht ganz unproblematisch: Kann ein Unterhaltungskonzern \u00fcberhaupt noch kritisch~n und unabh\u00e4ngigen Journalismus betreiben, wie es Walder vorschwebt? Was passiert, wenn G\u00f6l\u00e4 bei seinem Berner Konzert grottenschlecht ist? Und vor allem, was geschieht, wenn dies der Blick-Reporter auch findet und in seiner Zeitung schreiben will? \u00abDann wird er es schreiben. Und der Chefredaktor wird f\u00fcr den Titel die grossen Buchstaben auspacken\u00bb, so Walder. Die journalistische Freiheit stehe \u00fcber allem, so sein Credo.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"h-wie-lange-trinken-sie-noch-espresso\"><strong>\u00abWie lange trinken Sie noch Espresso?\u00bb<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcberhaupt war dieser viel beachtete Wandel des Ringier-Hauses nur m\u00f6glich, weil die Verlegerfamilie seine Ideen stets mitgetragen habe, weiss Walder. Und ein bisschen stolz ist er auch, dass nun ausgerechnet die renommierte Harvard-Universit\u00e4t den ganzen Verlagsumbau als real existierende Case-Study untersucht \u2014 als staunten die klugen Theoretiker in Bostons Kaderschmiede selbst dar\u00fcber, wie man ihre klugen Gedanken in der fernen Schweiz in die Realit\u00e4t umsetzt. Nimmt man das Betriebsergebnis von, 2011 als Massstab, so stockt das ganze Gesch\u00e4ft noch ein bisschen: Bei einem Gesamtumsatz von 1,1 Milliarden Franken resultierte f\u00fcr Ringier 2011 lediglich ein Gewinn von 22,8 Millionen Franken. \u00abDer hohe Franken und die Druckereien haben uns einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht\u00bb, sagt Walder. \u00abDie n\u00e4chsten Jahre wird es besser werden.\u00bb Zweifel daran d\u00fcrfte er keine haben. Eine letzte Frage dr\u00e4ngt sich noch auf: \u00abHerr Walder, wie lange trinken Sie noch einen Espresso mit Frank A. Meyer?\u00bb Gemeint ist die w\u00f6chentliche Gespr\u00e4chsreihe in der Schweizer Illustrierten, in welcher Walder den mittlerweile in Berlin lebenden Chetjournalisten des Hauses zu aktuellen Themen wie Frauenquote, FDP-Misere oder Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t befragt. Walder: \u00abDie Gespr\u00e4che mit FAM dienen der Reflexion, sind mein w\u00f6chentlicher Bezug zum Journa-1ismus.\u00bb Vielleicht m\u00fcsste man die Frage auch anders stellen: Wie lange dauert es, bis der erste Journalist des Hauses endlich seinen CEO interviewt?&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 46-j\u00e4hrige Marc Walder hat den Ringier-Konzern in den letzten f\u00fcnf Jahren mehr ver\u00e4ndert als seine Vorg\u00e4nger zusammen. 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