{"id":2636,"date":"2014-09-30T17:59:02","date_gmt":"2014-09-30T15:59:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ringier.com\/?post_type=interview&#038;p=2636"},"modified":"2021-09-07T16:59:23","modified_gmt":"2021-09-07T14:59:23","slug":"der-fuenf-punkte-plan-fuer-die-zukunft-der-medien","status":"publish","type":"interview","link":"https:\/\/www.ringier.com\/de\/news\/interviews\/der-fuenf-punkte-plan-fuer-die-zukunft-der-medien\/","title":{"rendered":"Der F\u00fcnf-Punkte-Plan f\u00fcr die Zukunft der Medien"},"content":{"rendered":"\n<pre class=\"wp-block-verse\"><strong>\u00abWir hinken den Amerikanern bei der Digitalisierung unserer journalistischen Produkte um zwei Jahre hinterher.\u00bb<\/strong>\nMarc Walder, CEO Ringier AG<\/pre>\n\n\n\n<p>Ein Besuch in New York kann viele neue Erkenntnisse bringen, die Beobachtung sch\u00e4rfen und neue Energie freisetzen. Marc Walder, dem Vorstandsvorsitzenden des Schweizer Medienkonzerns Ringier (mit Titeln wie Blick, Cash, Cicero), ist das so gegangen. Ein paar Tage hat er in Amerika verbracht und in Manhattan mit beinahe allen gesprochen, die zu der Branche etwas Relevantes zu sagen haben. Wieder zur\u00fcck in Z\u00fcrich, steckt der ohnehin sportlich-drahtige Walder voller Tatendrang \u2013 und ist getrieben von Sorge.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abDie Zeitungen stehen unter Druck\u00bb, leitet er das Gespr\u00e4ch ein, was ein Allgemeinplatz ist, aber dramatische Auswirkungen hat. In der Schweiz wie in Deutschland sinken Auflagen und Reichweite der Zeitungen, Personal wird abgebaut, sowohl in den Redaktionen als auch in den Verlagen. Walders Punkt aber ist, dass die europ\u00e4ischen Medien alsbald von den Amerikanern \u00fcberrollt werden k\u00f6nnten, und zwar auch auf ihren Heimatm\u00e4rkten. \u00abWir hinken den Amerikanern bei der Digitalisierung unserer journalistischen Produkte um zwei Jahre hinterher\u00bb, sagt Walder. Dort wisse man, wie digitaler Journalismus heute funktioniere, in Europa hingegen nicht. Der Medienprofi redet Klartext: \u00abDie Radikalit\u00e4t des Vorgehens der Amerikaner hat man in Europa noch nicht erkannt\u00bb, findet er.<\/p>\n\n\n\n<p>Walder zieht seine Unterlagen hervor und nennt in schneller Folge, beinahe alarmistisch, f\u00fcnf Punkte, die in seinem Haus wie auch in allen anderen Verlagen des Kontinents sofort begriffen und adressiert werden m\u00fcssten. \u00abErstens: Alles bewegt sich auf einen ausschlie\u00dflich mobilen Zugriff auf unsere digitalen Angebote zu. Zweitens: Soziale Medien m\u00fcssen viel st\u00e4rker genutzt werden, um unsere Inhalte zu verbreiten.\u00bb Drittens gelte es, viel st\u00e4rker auf Videoformate zu setzen als bisher. \u00abViertens: Die Werbung muss kreativer werden. Die sogenannte Display-Werbung im Internet ist \u2013 radikal gesagt \u2013 tot. Die Zugriffsraten f\u00fcr die Werbebanner rund um die Inhalte stimmen nicht, die Preise erst recht nicht.\u00bb Es gelte, \u00fcber kreative Formen gesponserter Inhalte nachzudenken: \u00abIch wei\u00df, dass das in vielen H\u00e4usern bisher als schwierig gilt, wahr ist aber, dass selbst die \u201aNew York Times&#8216; dar\u00fcber nachdenkt.\u00bb Als f\u00fcnften Punkt nennt Walder, gleichsam als Klammer f\u00fcr das zuvor Gesagte, den Zwang zu erheblichen weiteren Investitionen in die Technologie. \u00abDer Bedarf hierzu wird in Europa bisher nicht erkannt. Der Erfolg von digitalem Journalismus basiert ganz wesentlich auch auf Technologie, auch wenn man dies hier nicht gerne h\u00f6rt.\u00bb&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p id=\"h-fachleute-f-r-soziale-netzwerke-geh-ren-in-die-mitte-des-newsrooms\"><strong>Fachleute f\u00fcr soziale Netzwerke geh\u00f6ren in die Mitte des Newsrooms<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das sehe in Amerika anders aus. \u00abNeue Wettbewerber wie Buzzfeed oder die ,Huffington Post&#8216; nehmen dort Millionen in die Hand, um ihre technische Basis zu modernisieren und ins Ausland zu expandieren. Das wird denen von den Investoren auch ganz deutlich gesagt.\u00bb Wenn die europ\u00e4ischen Verlage nicht investierten, weil sie dazu finanziell schon nicht mehr in der Lage seien oder noch immer nicht den Willen h\u00e4tten, ihre verbliebenen Kr\u00e4fte f\u00fcr diese Investitionen zu mobilisieren, \u00abdann kommen die gro\u00dfen Amerikaner und werden es tun\u00bb. Die zwei Jahre Vorsprung der Vereinigten Staaten in der digitalen Welt sind \u00abkritisch f\u00fcr Europa\u00bb. Entsprechend wichtig sei es, schnell darauf zu antworten. Gelinge der Sprung in die neue digitale Welt mit Social-Media-Einbindung und erheblich st\u00e4rkerer Videonutzung nicht, drohe den klassischen europ\u00e4ischen Medienmarken Bedeutungsverlust und damit einhergehend die M\u00f6glichkeit, mit dem Angebotenen auch Geld zu verdienen. \u00abDie europ\u00e4ischen Konzepte der Newsrooms, in denen Zeitungen und die zugeh\u00f6rigen Internetangebote produziert werden, sind schon wieder \u00fcberholt\u00bb, sagt Walder. Es gelte, Fachleute f\u00fcr soziale Netzwerke wie Facebook oder Instagram oder Twitter, f\u00fcr Videos, f\u00fcr die Analyse der Nutzerdaten in Echtzeit unter dem Stichwort &#8222;Big Data&#8220; und die zugeh\u00f6rige Technologie in die Mitte der Newsroom-Teams zu setzen. \u00abWenn wir das nicht machen, haben wir keinen modernen Newsroom.\u00bb Das sage er durchaus selbstkritisch. \u00abEin weiteres \u2013 substantielles \u2013 Problem wird es in Europa sein, daf\u00fcr die richtigen Leute zu finden\u00bb, bef\u00fcrchtet Walder.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"h-die-macht-von-buzzfeed-und-huffington-post\"><strong>Die Macht von Buzzfeed und Huffington Post<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hat der Ringier-Chef mit Blick auf das, was sich in den internen Abl\u00e4ufen \u00e4ndern muss, also schon klare Vorstellungen, klingt die Antwort auf die Frage, wie das Gesch\u00e4ftsmodell hinter diesen Angeboten aussehen soll, tastender. Sicher ist f\u00fcr Walder, dass es bei den wesentlichen Einnahmequellen Werbung und dem Geld, das f\u00fcr die Inhalte gezahlt wird, bleiben wird. Allerdings m\u00fcsse man bei der Werbung viel experimentierfreudiger und offener gegen\u00fcber neuen Formaten werden. \u00abZum anderen glaube ich nicht, dass Abomodelle, die einen Preis f\u00fcr alles verlangen, was von einer Redaktion angeboten wird, der Weisheit letzter Schluss sind.\u00bb Es gelte, den Lesern Informationsangebote zu machen, die genauer auf ihre Bed\u00fcrfnisse zugeschnitten seien. \u00abIndividualisierung ist die entscheidende Frage bei der Monetarisierung der Inhalte\u00bb, sagt Walder. Zugleich m\u00fcsse sichergestellt sein, dass sich diese neuen, individuellen Angebote durch hohe Benutzerfreundlichkeit auszeichneten. Daraus leitet Walder seiner Kernforderung an sein Haus und die anderen europ\u00e4ischen Medienh\u00e4user ab: \u00abDer n\u00e4chste Investitionsschritt muss jetzt kommen!\u00bb Gegen welche Macht man antrete, zeige die j\u00fcngste Investition, die sich Buzzfeed in Amerika gesichert habe. &#8222;Andreessen Horowitz hat 50 Millionen Dollar investiert. Das bewertet das Unternehmen jetzt mit 850 Millionen Dollar. Die haben jetzt mehr als 500 Mitarbeiter, und noch vor drei Jahren hatte die noch niemand auf dem Radar. Das Tempo ist horrend!&#8220; Das Ziel hei\u00dfe eindeutig Auslandsexpansion, und vorstellbar seien dabei M\u00e4rkte wie Indien, Russland oder eben auch Deutschland. Das Gleiche gelte f\u00fcr die &#8222;Huffington Post&#8220;, die in Deutschland und manchen anderen L\u00e4ndern schon vertreten sei. Zudem sei die &#8222;Huff Po&#8220; ein gutes Beispiel f\u00fcr den Erfolg von Videos innerhalb von Nachrichtenangeboten. \u00abHuffington Live ist in seinen ersten 18 Monaten von 0 auf 1 Milliarde Zugriffe hochgeschnellt\u00bb, schw\u00e4rmt Walder. Buzzfeed wiederum schaffe rund 400 Millionen Videozugriffe im Monat. Sehr viel besser m\u00fcsse man in den europ\u00e4ischen Medienh\u00e4usern auch in Fragen der Optimierung der Texte werden. Dabei gehe es nicht, so wie bisher, vor allem darum, in Suchmaschinen ganz oben in der Trefferliste zu landen. Vielmehr m\u00fcssen die Texte f\u00fcr Social-Media-Dienste wie zum Beispiel Twitter, Facebook oder Instagram jeweils ganz unterschiedlich aufbereitet werden.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"h-bestehen-kann-nur-wer-zugleich-die-journalistische-qualit-t-h-lt\"><strong>Bestehen kann nur, wer zugleich die journalistische Qualit\u00e4t h\u00e4lt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das gelte sowohl f\u00fcr Sprache und Aufbau als auch f\u00fcr die Pr\u00e4sentation und die jeweils zu nutzende \u00dcberschrift. Dass diese Ver\u00e4nderungen mit gro\u00dfer Geschwindigkeit erfolgen m\u00fcssten, m\u00fcsse auch den Journalisten klar sein, die seit langer Zeit im Beruf t\u00e4tig seien und an liebgewonnenen Gewohnheiten im Umgang mit ihren Texten festhielten. Sie m\u00fcssen nach der Auffassung von Walder zunehmend bereit sein, in der Artikelpr\u00e4sentation mit Profis au\u00dferhalb ihres Metiers zusammenzuarbeiten. \u00abWas passiert, wenn man die Umstellung auf die Erfordernisse einer neuen Zeit nicht schafft, zeigen in der Unternehmenswelt Beispiele wie Polaroid, Kodak, Nokia oder Blackberry: Gro\u00dfartige Unternehmen, die sich zu lange am Bestehenden festkrallten.\u00bb Nachzulesen seien die Abl\u00e4ufe, die dahintersteckten, in einem Buch wie &#8222;The Innovators Dilemma&#8220; von Clayton Christensen. Der Ringier-Chef fordert die Journalisten auf, selbst auf sozialen Netzwerken aktiv zu werden, dort f\u00fcr ihre eigenen Text zu werben und in einen Dialog mit dem Nutzer zu treten. \u00abDie Journalisten m\u00fcssen doch daran interessiert sein, ihre Texte in so ein wunderbares Schaufenster zu stellen. Es kann doch nicht sein, dass einem so etwas gleichg\u00fcltig ist.\u00bb Grunds\u00e4tzlich gelte im Umgang mit Social Media die Erkenntnis, dass es viel wertvoller sei, wenn ein Text von Dritten pers\u00f6nlich weiterempfohlen werde als von dem Algorithmus einer Suchmaschine. Ein anderes Buch, das Walder in diesem Kontext anf\u00fchrt, ist &#8222;Tipping Point&#8220; von Malcolm Gladwell. Darin werde untersucht, warum ein Produkt auf einen Schlag erfolgreich sei \u2013 und ein anderes pl\u00f6tzlich nicht mehr. Und die Verlage m\u00fcssten mit ihren Titeln reagieren, solange die jeweilige Marke ihre Strahlkraft noch nicht verloren habe. \u00abRingier hat sich in den vergangenen sechs Jahren zwar schneller ver\u00e4ndert als in den 175 Jahren zuvor. Und es geht im gleichen Tempo weiter.\u00bb Bestehen k\u00f6nne man den Wandel nur, wenn man zugleich die journalistische Qualit\u00e4t halte oder sogar verbessere. Das gelte sowohl f\u00fcr Qualit\u00e4tszeitungen wie die F.A.Z. als auch f\u00fcr den Boulevard. \u00abAlles, was irgendwo dazwischen h\u00e4ngenbleibt, bekommt ein Problem.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p id=\"h-investitionen-in-afrika\"><strong>Investitionen in Afrika<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ringier habe das Gl\u00fcck, signifikante digitale Einnahmequellen jenseits des klassischen Journalismus erschlossen zu haben. Das verschaffe nun die n\u00f6tige Handlungsfreiheit, um weiter in die journalistischen Marken zu investieren. \u00abWir sind ein Familienunternehmen und haben in den vergangenen sechs Jahren 1,4 Milliarden Franken in unsere Transformation investiert.\u00bb In einer vergleichbaren Situation sei in Deutschland nur Springer und damit der Verlag, mit dem Ringier in Osteuropa in einem Gemeinschaftsunternehmen verbunden ist. In der F\u00fchrung des 50:50 Joint-Ventures verstehe man sich gut, man teile die gleichen \u00dcberzeugungen. Soeben erst hat man in Ungarn gemeinsam eine Online-Stellenb\u00f6rse \u00fcbernommen. Klar sei f\u00fcr Ringier stets, dass guter Journalismus die Basis von allem seien m\u00fcsse, dass Zeitungen per se kein Auslaufmodell seien, die Leser aber erwarteten, auf allen digitalen Kan\u00e4len rund um die Uhr bedient zu werden. Und wer im Internet, zum Beispiel auf der Suche nach der schnellen Information zu einem aktuellen Thema, zwei Mal entt\u00e4uscht werde, sei als Leser vermutlich auch danach f\u00fcr die Marke verloren. Bei allem Investitionsdrang ist Walder derzeit aber nicht daran interessiert, sich zum Beispiel in Deutschland st\u00e4rker zu engagieren. Interesse am deutschen Wirtschaftsmagazin Brand eins habe er nicht mehr. Die letzte gro\u00dfe Auslandswette sei Ringier in Afrika eingegangen, wo man in f\u00fcnf L\u00e4ndern (Nigeria, Tansania, Senegal, Ghana und Kenia) elf Internetunternehmen besitze.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marc Walder, der Vorstandschef des Schweizer Medienhauses Ringier, ist alarmiert: Europa stehe davor, eine Medienrevolution zu verschlafen. Auch im eigenen Haus soll der Weckruf ert\u00f6nen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":2637,"template":"","categories":[],"class_list":["post-2636","interview","type-interview","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO Premium plugin v27.5 (Yoast SEO v27.5) - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-premium-wordpress\/ -->\n<title>Der F\u00fcnf-Punkte-Plan f\u00fcr die Zukunft der Medien - Ringier<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.ringier.com\/de\/news\/interviews\/der-fuenf-punkte-plan-fuer-die-zukunft-der-medien\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der F\u00fcnf-Punkte-Plan f\u00fcr die Zukunft der Medien\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Marc Walder, der Vorstandschef des Schweizer Medienhauses Ringier, ist alarmiert: Europa stehe davor, eine Medienrevolution zu verschlafen. 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